Anlässlich des heutigen Tages möchte ich heute in meiner kleinen Posting-Reihe aus den Archiven von Yad Vashem, zwei herausragende Frauen ehren – stellvertretend für zahllose andere Menschenretterinnen in Ordenstracht. Wenn man in den Archiven zu den „Gerechten unter den Völkern“ stöbert, fällt auf, dass Ordensfrauen während der NS-Zeit mit ungleich höherem Einsatz, größerem Mut und unter ungleich höherer Gefahr gegen das Regime Stellung bezogen, als die meisten ihrer männlichen Gegenstücke (soweit diese überhaupt Widerstand leisteten). Nicht wenige zeigten eine wahrhaft hünenhafte Courage und legten – als Kämpferinnen gegen den Holocaust – bis an den Rand der Selbstaufgabe Zeugnis für ihren Glauben ab; manchmal auch darüber hinaus.
Vielleicht sollte man daher die man die Rolle des Christentums im dritten Reich weniger an der Institution Kirche, die vor Geschichte grandios versagte, an einem Papst der seinen Mund nicht auftat, vielleicht überhaupt nicht in erster Linie nur an Männern messen – sondern am außerordentlichen Einsatz von Frauen wie Elisabeth Rivet und Anna Borkowksa….
"Wenn ich Feuer wäre, würde ich brennen; wenn ich ein Holzfäller wäre, würde ich Holz schlagen. Aber ich bin ein Herz und ich liebe. Ich kann nichts Anderes"
Jesus Christus in DIE LETZTE VERSUCHUNG CHRISTI von NIKOS KAZANTZAKIS
MUTTER ELISABETH RIVET
Die Tochter eines französischen Marineoffiziers zog nach dem Tod ihres Vaters gemeinsam mit ihrer Mutter 1910 nach Lyon, trat dort dem Konvent der Krankenschwestern Notre Dame de Compassion („Unsere liebe Frau vom Mitleid“) bei und legte 1913 ihr Gelübde ab. Im Kloster beschäftigte sie sich mit der Erziehung und Berufsausbildung von Mädchen aus benachteiligten Elternhäusern und Halbvagabundinnen.
1933 wurde sie unter ihrem Ordensnamen Mère Marie Élisabeth de l’Eucharistie („Mutter Marie Élisabeth von der hl. Eucharistie“) Generaloberin ihres Ordens. Sie war verantwortlich für drei weitere kirchliche Einrichtungen. Das Kloster funigierte auch als Heim und Näh- und Stickwerkstatt für Mädchen
Sie engagierte sich für eine Erweiterung ihrer Erziehungseinrichtung, wofür sie 1937 die amtliche Genehmigung erhielt.
Nach der Niederlage Frankreichs zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entschied sie sich, das Übel zu bekämpfen, und begann, Flüchtlinge vor der Gestapo zu verstecken. Zahlreiche Zeugnisse weisen darauf hin, dass Mutter Rivet jüdische junge Frauen, Säuglinge und Kinder in ihren Einrichtungen aufgenommen und versteckt hat. Sie arrangierte auch langfristige Verstecke für ältere Juden, nachdem sie sie für kurze Zeit in ihrem Kloster versteckt hatten. Sie gehörte zu einem geheimen Netzwerk, zu dem die Führer der jüdischen Gemeinde Lyons, die jüdischen Pfadfinderinnen und andere Retter gehörten, die nicht jüdisch waren. Mutter Rivet war auch ein Mitglied des französischen Widerstandes und erlaubte den Untergrundkämpfern, Waffen und Munition in den Institutionen zu verstecken, die sie leitete.
Aurélie Leenders, geb. Gutstein, ist eine der vielen Juden, die ihr Leben Rivet verdanken. Ende 1942 lernte Leenders, der bei ihrer Schwester in Lyon wohnte, die Besitzer einer Kurzwarenhandlung kennen, die in der Werkstatt des Klosters La Compassion Waren kauften. Eines Tages traf Leenders in der Kurzwarenhandlung ein Mädchen, das im Kloster hergestellte Hemden auslieferte, und erzählte ihr, dass sie und ihre Schwester ein Versteck suchten.
Das Mädchen sagte ihr, sie solle sich mit der Oberin Elizabeth Rivet in Verbindung setzen, und sie tat es. Nachdem sie von der Notlage der Schwestern gehört hatte, nahm die Oberin sie herzlich zu Hause und in ihrer Werkstatt auf. Den Schwestern Leenders wurden Uniformen ausgestellt und Näh- und Stickarbeiten zugewiesen. Sie verbrachten den Rest der Besatzungszeit im Kloster, und Mutter Rivet kümmerte sich in schwierigen Momenten um sie und stärkte ihre Moral bis zu dem Tag, an dem sie verhaftet wurde.
Mutter Elisabeth ist sich bewusst: alle ihre Hilfsmaßnahmen sind nach den Nazigesetzen illegal und strafbar. Aber sie fühlt sich im Gewissen verpflichtet, den Notleidenden zu helfen.
Am 24. März 1944 wurde Mutter Rivet zusammen mit ihrer Assistentin aufgrund einer Denunziation durch die Gestapo verhaftet und nach Verhören und Folter in das Gefängnis Fort Montluc bei Lyon gebracht. Das Waffenversteck wurde von der Gestapo schnell entdeckt, das Archiv der Résistance, das sie in ihrem Kloster versteckte, jedoch nicht.
Von Fort Montluc wurde sie nach Romainville in die Nähe von Paris geschafft. Mit Transport I.246 ab Paris, Gare de l’Est, wurde sie nach Saarbrücken in das Lager Neue Bremm deportiert (Eintreffen am 14. Juli 1944), bevor sie am 28. Juli 1944 ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt wurde (Registrier-Nr. in diesem KZ: 46921).
Ihrer Ordenstracht entkleidet, wurde sie zu harter Arbeit gezwungen. Lagerinsassen bezeichneten sie als das Zentrum der Ruhe und Hoffnung an diesem Ort des Wahnsinns . Dort kommt sie in den Block 15, in dem die französischen Frauen streng getrennt von den anderen Gruppen und eng zusammengepfercht hausen müssen. Für fünf Gefangene gab es nur zwei Strohsäcke zum Schlafen. Mutter Elisabeth, selbst leidend, lehnt es ab, sich ins Krankenrevier zu melden, sie will die ganze Not und Qual ihrer Leidensgefährtinnen teilen und ihnen beistehen und helfen an diesem Ort des Grauens.
Aus Zeugenaussagen, Berichten und Briefen von Überlebenden wissen wir, was Mutter Elisabeth durch das Beispiel ihrer Stärke und Zuversicht, durch ihre Güte und Hilfsbereitschaft, durch ihren Mut und ihre Gabe des Trostes für ihre Mitgefangenen bedeutet hat.
So heißt es in einem Brief:
"Mutter Elisabeth war ein Beispiel für uns alle an Ruhe und Heroismus. In ihrer Gegenwart hatte man das Gefühl, von aller Gefahr entfernt zu sein", und ihre Bettnachbarin berichtet: "Sie murrte nie, und sie stärkte uns so gut. Vor den anderen stand sie früh auf, um zu beten, und am Sonntag betete sie zusammen mit den Katholiken die Messgebete."
Und eine andere Mitgefangene berichtete: "Ihr Lächeln erhellte uns alle - sie war die Seele unserer Lagergruppe".
Gegen Kriegsende erhöhten die Nazis die Anzahl der Massenmorde in den Vergasungseinrichtungen.
Die Karwoche 1945 wird dann für Mutter Elisabeth die letzte. Am Montag der Karwoche wird sie in einem Transport von 1500 Frauen in ein nahegelegenes Vernichtungslager überführt.
Am Mittwoch der Karwoche findet die Arztvisite statt. Man bemerkt ihre geschwollenen Beine. Sie wird sofort für einen Spezialblock bestimmt, der als letzte Station vor dem Todestransport gilt. Am Karfreitag, dem 30.März 1945, werden aus diesem Block 500 Frauen zum Appell aufgerufen.
Sie wissen, es beginnt nun ihre letzte Reise in den Tod. Lautes Klagen und Weinen bricht auf - Verzweiflungsschreie:
"Tötet mich nicht! Laßt mich! Ich habe Mann und Kinde!"
"Tötet mich nicht! Laßt mich! Ich habe Mann und Kinde!"
Mutter Elisabeth erlebt dieses schreckliche Schauspiel. Sie will helfen und diese Unglücklichen stärken mit der Gewissheit, dass Gottes Barmherzigkeit ihnen nahe ist.
Plötzlich erkennt Mutter Elisabeth vor sich eine Familienmutter, deren Name aufgerufen wurde. Sie gibt ihr ein Zeichen, durch ein Barackenfenster zu entfliehen. Einer anderen Todeskandidatin, die doch gerettet wurde, flüstert sie zu: "Ich breche auf zum Himmel! Gebt in Lyon Nachricht…!" Dann steigt sie in den Todeswagen.
Dort sagt sie zu den Unglücklichen: "Gehen wir gemeinsam, ich will euch helfen, gut zu sterben." Sie zeigt ihnen ein kleines Kreuz - zwei zusammengebundene Holzstücke - und beginnt mit ihnen den Rosenkranz "Unserer Lieben Frau von den sieben Schmerzen" zu beten. Von der letzten Stunde ihres Todes gibt es keine Augenzeugen mehr.
Nur sechs Tage später wurde dem Deutschen Roten Kreuz gestattet 7.500 Frauen aus Ravensbrück zu evakuieren. Keine zwei Monate später endete der verheerende Krieg.
Am 10. November 1945 verlieh ihr die französische Regierung postum das Croix de guerre mit Stern. 1961 ehrte die französische Regierung sie mit einem Porträt auf einer Briefmarke und am 2. Dezember 1979 wurde eine Straße in Brignais (Lyon) nach ihr benannt. 1997 wurde sie postum mit der Médaille des Justes geehrt. 1999 wurde im Institut des Sciences de l’Homme in Lyon der „Salle Élise Rivet“ nach ihr benannt.
Elisbaeth Rivet wurde 1996 als "Gerechte unter den Völkern" von Yad Vashem anerkannt.
„Ein guter Freund steht immer zu dir, und ein Bruder ist in Zeiten der Not für dich da.“
DIE BIBEL, Buch der Sprüche 17:17
MUTTER ANNA BORKOWSKA
Als Janina Siestrzewitowska geboren, trat sie nach ihrem Studium an der Universität Krakau in den Dominikanerorden ein, nahm den Ordensnamen "Mutter Bertranda" an und leitete als Oberin das "Kloster der kleinen Schwestern" in Kolonia Wileńska der Straße von Wilna nach Wilejka. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Vilnius am 24. Juni 1941 setzte sie sich für die verfolgten Juden der Stadt ein und versuchte vergeblich dafür die Unterstützung der katholischen Würdenträger zu gewinnen.
Als sie von den Massakern in Paneriai (Ponary) erfuhr und gebeten wurde, Juden in ihrem Kloster zu verstecken, nahm sie unter höchster Lebensgefahr mehrere Dutzend Juden auf, unter ihnen 17 Mitglieder der illegalen Untergrundbewegung der zionistischen Pioniere. Als mehrere ihrer Nonnen dagegen protestierten, drohte ihnen Mutter Bertranda mit der Ausweisung aus dem Kloster und der Exkommunikation aus dem Glauben.
Trotz des immensen Unterschieds zwischen den beiden Gruppen entwickelten sich sehr enge Beziehungen zwischen den christlichen Schwestern und den linksgerichteten, säkularen Juden. Hinter den Klostermauern fanden die Pioniere einen sicheren Hafen; sie arbeiteten mit den Nonnen auf den Feldern und setzten ihre politischen Aktivitäten fort. Die versteckten Männer und Frauen wurden aus Angst vor Denunziation in Nonnenkleider gesteckt. Die furchtlose Mutter Oberin des Stifts nannten sie „Ima“ (hebräisch für „Mutter“).
Es war in einer Zelle dieses Klosters, dass Abba Kovner, ein Führer der zionistischen Bewegung HaSchomer HaZair, seinen berühmten Weckruf zur Revolution schrieb. Mit einer Intuition, die nur als erstaunlich bezeichnet werden kann, erfasste Kovner die volle Bedeutung der Morde in Ponary und verstand, dass sie Teil eines systematischen, umfassenden Plans waren, alle Juden Europas zu ermorden.
Jahre später erklärte Abba Kovner, die Ideen zum Ghetto-Austand seien im Kloster entwickelt worden.
„Hitler plant die Vernichtung des gesamten europäischen Judentums ... Lasst uns nicht wie Schafe zur Schlachtbank gehen! Es ist wahr, wir sind schwach und hilflos, aber die einzige Antwort an den Feind ist Widerstand! ... Leistet Widerstand! Bis zum letzten Atemzug!“,so schrieb er. Das Manifest, das Kovner seinen Freunden am 31. Dezember 1941 vorlas, wurde im Kloster gedruckt und im Ghetto verteilt.
Ende Dezember 1941 entschlossen sich die Pioniere, die Sicherheit des Stifts aufzugeben und ins Ghetto zurückzukehren, um die Widerstandsbewegung aufzubauen. Anna Borkowska versuchte verzweifelt, sie davon abzuhalten, das Kloster zu verlassen, aber ihre Bemühungen waren vergebens. Einige Wochen nach seiner Rückkehr ins Ghetto wurde Abba Kovner ans Ghettotor gerufen. Frau Borkowska war gekommen, um zu sagen, dass sie sich den Juden im Ghetto anschließen wolle:
„Gott ist im Ghetto“, sagte sie.
Kovner brachte sie mit Mühe und Not davon ab, diesen Schritt zu tun. Von Frau Borkowska nach ihren Bedürfnissen befragt, antwortete Kovner, sie bräuchten Waffen. Es war Anna Borkowska, eine der Spiritualität und Gewaltlosigkeit verpflichtete Nonne, die die ersten Granaten- versteckt unter ihrer Kleidung - ins Ghetto schmuggelte.
Auch andere Nonnen aus dem kleinen Kloster, Schwester Bernadeta (Julia Michrowska), Schwester Cecylia (Maria Roszek), Schwester Diana (Helena Frackiewicz), Schwester Imelda (Maria Neugebauer), Schwester Jordana (Maria Ostrejko), Schwester Małgorzata (Irena Adamek) und Schwester Stefania (Stanisława Bednarska) schmuggelten Waffen und Munition unter akuter Lebensgefahr ins Ghetto in Vilnius.
Im September 1943, als sich der Verdacht der Nazis gegen sie verdichtete, ließen die Deutschen Anna Borkowska verhaften. und in ein berüchtigtes Arbeitslager bei Perwejniszki, nahe Kaunas deportieren.
Das Kloster wurde aufgelöst und die Schwestern gingen auseinander. Borkowska überlebte knapp.
Schließlich, nach dem Krieg, bat Frau Borkowska darum, ihres klösterlichen Gelübdes enthoben zu werden, doch sie blieb ein zutiefst religiöser Mensch.
Ihre Rettungstaten wurden von den nach Israel emigrierten Überlebenden nicht vergessen. Doch erst 1984 hatte Abba Kovner, der ihr in Israel das Gedicht "Meine kleine Schwester" gewidmet hatte, erfahren, dass sie mit Wohnsitz in Warschau noch lebte.
Im gleichen Jahr wurden sie und sechs Nonnen des Klosters von der Gedenkstätte Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" anerkannt. Abba Kovner selbst besuchte die 84 Jährige in ihrer kleinen Wohnung in Warschau und überreichte ihr die Anerkennung in feierlichem Rahmen.
Auf ihre Frage, warum sie diese Ehre verdiene, antwortete Abba Kovner:
"Während der Tage, als Engel ihr Antlitz vor uns verbargen, war diese Frau für uns Anna der Engel. Nicht Engel, die wir in unseren Herzen erfinden, sondern Engel, die ... Leben schaffen."
Ich habe die Geschichten von Elisabeth „Elise“ Rivet und Anna Borkowska aus drei bis vier verschiedenen nicht-privaten Quellen rekonstruiert, darunter Yad Vashem, Wikipedia und mehrere Fachwebseiten zu christlichen Widerständlern im dritten Reich, um einen möglichst abgerundeten Blick auf diese außerordentlichen Frauen zu ermöglichen.